1Warum verschiedene Normen?
Typ-A-Normen wie ISO 12100 beschreiben allgemeine Sicherheitsgrundsätze. Typ-B-Normen behandeln übergreifende Sicherheitsaspekte; Typ-C-Normen konkretisieren Anforderungen für bestimmte Maschinen. Für Sichtfenster entscheidet das tatsächliche Gefährdungsszenario der Maschine.
ISO 23125 behandelt Drehmaschinen, ISO 16090-1 Fräsmaschinen, Bearbeitungszentren und Transfermaschinen, ISO 16089 ortsfeste Schleifmaschinen. Rückhaltefähigkeit, Befestigung, Alterungsschutz und Benutzerinformation müssen zusammen betrachtet werden.
2ISO 23125 – Drehmaschinen
ISO 23125:2015 beschreibt in Anhang A die Aufprallprüfung und in Tabelle A.2 die Klassen A1–C3. A, B und C unterscheiden Spannzeugbereiche und Prüfprojektile: 0,625 kg bei Ø < 130 mm, 1,25 kg bei 130 ≤ Ø < 260 mm und 2,5 kg bei 260 ≤ Ø ≤ 500 mm. Die Zahlen 1–3 unterscheiden Belastungsstufen innerhalb der jeweiligen Serie.
Die Klassen sind keine einfache Rangfolge nach Maschinenleistung. Energie allein reicht nicht, um einen Nachweis zwischen unterschiedlichen Projektilmassen und -geometrien zu übertragen. Beispielsweise beweist ein C3-Test nicht automatisch B3.
Für die vereinfachte Spannbackenbetrachtung gilt v = π × d × n / 60 mit d in Metern, Aufprallgeschwindigkeit vi = 1,25 × v und E = ½ × m × vi². Für abweichende Spannbacken, Werkstücke oder andere Projektilszenarien ist eine gesonderte Bewertung erforderlich.
Tabelle B.1 enthält Beispiele geprüfter Werkstoffe und Aufbauten in einem informativen Anhang. Sie ist kein allgemeines Zulassungsverzeichnis. Ein fehlender B3-Eintrag für Einzel-PC bedeutet, dass die Tabelle diesen Nachweis nicht liefert; ein anderer geeigneter Nachweis ist separat zu bewerten. SafetyPoly mit Luftzwischenraum darf nicht allein mit dem tabellierten PC-Verbund gleichgesetzt werden.
§ 5.13.1 e) fordert zusätzlichen Rundumschutz für Werkstoffe, deren Widerstandsfähigkeit durch die beschriebenen Betriebs- und Alterungseinflüsse abnimmt. Eine Glaslage allein schützt nicht automatisch Rückseite und Kanten. Die Alterungsdarstellungen sind keine Garantie einer festen Restfestigkeit oder eines universellen Austauschintervalls.
3ISO 16090-1 – Fräsen und Bearbeitungszentren
Die aktuelle internationale Ausgabe ist ISO 16090-1:2022 (korrigierte Fassung 2023-10); sie ersetzt ISO 16090-1:2017. Bei Bestandsmaschinen ist die konkret angewandte Normausgabe aus den Maschinenunterlagen zu berücksichtigen.
Fräsen hat ein eigenes Prüfverfahren für herausgeschleuderte Werkzeugteile. Es verwendet nicht die Drehmaschinenklassen A1–C3. In der Vorgängerausgabe dient ein 0,1-kg-Projektil als Referenz; Werkzeugdurchmesser und Drehzahl bestimmen die Umfangsgeschwindigkeit. Schwerere oder abweichende Werkzeuge erfordern zusätzliche Betrachtungen.
Die hier dokumentierte Vorauslegung im Konfigurator stützt sich auf nachprüfbare Materialproben aus Tabelle B.1 der Ausgabe 2017 (DIN EN ISO 16090-1:2019). Sie ersetzt keinen Nachweis nach der für Ihre Maschine maßgeblichen Ausgabe. KSS und Spanflug sprechen häufig für eine schützende Glasinnenlage, begründen aber keine pauschale Glas-Pflicht für jede Fräsmaschine.
4ISO 16089 – Schleifmaschinen
ISO 16089:2025 ersetzt die internationale Ausgabe 2015. Anhang A enthält sowohl Berechnungen als auch Tabellen, unter anderem Tabelle A.12 für PC-Wanddicken. Die Behauptung, für Schleifmaschinen gebe es keine Tabelle, ist daher falsch.
Für den betrachteten Schleifkörperbruch gehen unter anderem Masse, Verhältnis von Bohrungs- zu Außendurchmesser, Schleifkörperbreite und höchste erreichbare Umfangsgeschwindigkeit bei Antriebsausfall ein. In Gleichung A.3 wird die translatorische Bruchstückenergie auf die Schleifkörperbreite bezogen. Tabellenwerte dürfen nur verwendet werden, wenn ihre Annahmen und ihr Anwendungsbereich passen.
Eine Schutzhaube allein erlaubt keine Reduktion auf 20 % der Wanddicke. Nach A.2.5.2.3.1 muss ein Aufprall von 134°-Bruchstücken ausgeschlossen sein, etwa durch eine ausreichend geringe Überlappung von Streubereich und Zusatzschutzeinrichtung oder eine entsprechend abgesicherte Anordnung. Erst dann gilt die Reduktion nach A.2.5.2.3.4; mindestens 5 mm PC bleiben erforderlich. Befestigung und Überdeckung sind zusätzlich nachzuweisen.
5Vergleich
| Norm | Maschine | Auslegung |
|---|---|---|
| ISO 23125 | Drehen | Spannbacken-/Werkstückszenario, Klassen A1–C3, konkrete Werkstoff- und Einbaunachweise |
| ISO 16090-1 | Fräsen / BAZ | Werkzeugbruch und Aufprallprüfung; keine A1–C3-Klassen |
| ISO 16089 | Ortsfestes Schleifen | Schleifkörperbruch, Berechnungen und Tabellen, Haube und Streubereich |
6Hersteller- und Betreiberpflichten
Normen unterstützen die technische Auslegung. Eine Vermutungswirkung setzt die einschlägige, im EU-Amtsblatt veröffentlichte EN-Fassung und den jeweiligen Anwendungsbereich voraus; nicht jede ISO-Ausgabe ist automatisch harmonisiert. Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG und die zeitlichen Übergangsregeln zur Maschinenverordnung sind getrennt vom technischen Normstand zu betrachten.
Für Betreiber regelt die BetrSichV die sichere Verwendung: § 3 die Gefährdungsbeurteilung, § 4 Kontrollen, § 10 Instandhaltung und § 14 Prüfungen. ISO 9001 bescheinigt ein Qualitätsmanagementsystem und ist kein Rückhaltenachweis für eine Schutzscheibe.
7Welche Norm ist maßgeblich?
Ordnen Sie zunächst die Maschine und ihre Betriebsarten anhand der Herstellerunterlagen zu. Bei kombinierten Maschinen müssen die jeweiligen Gefährdungen und die Anwendungsbereiche der Normen geprüft werden; eine pauschale Wahl der „strengsten Norm“ genügt nicht.
Für Ersatzscheiben müssen mindestens die erforderlichen Sicherheitseigenschaften der Maschine erhalten bleiben. Produktname, PC-Dicke oder eine isolierte Joule-Zahl reichen als Freigabe nicht aus. Benötigt werden der geeignete Aufbau, dessen Nachweis und die passende Montage.
ISO: Ausgabe 16090-1:2022 · ISO: Normenübersicht Werkzeugmaschinensicherheit
Quellen und Einordnung: BetrSichV § 14, § 4, DGUV FBHM-040 (10/2023). Die genannten 2/5/8 Jahre sind Top-Seal-Produktangaben, keine allgemeinen gesetzlichen oder normativen Austauschfristen. Maßgeblich sind die Unterlagen zur konkreten Maschine und Scheibe, die Gefährdungsbeurteilung und der tatsächliche Zustand. Kürzere Fristen und Schäden haben Vorrang.